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Dienstag 01. April 2008

SMartART - Rezension
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12.05.06 15:00 Alter: 4 Jahre
Von: Camillo Rack

SMartART - Rezension
"Paradies der Traurigkeit"

„Das Böse, ein spirituelles Element“



Olivier Py: Paradies der Traurigkeit, Merlin Verlag 2005,
ISBN: ISBN 3-87536-251-9, 288 S., Preis:16 Euro

In den Darkrooms des Trap, einer Pariser Schwulenbar, treffen die Protagonisten von Olivier Pys Debütroman „Paradies der Traurigkeit“ - der Ich-Erzähler „Spirou“, der alternde Dichter Alcandre, der Aspirant Grégoire, ein Familienvater namens Ellert und der Skinhead Pascual - aufeinander. Sie sind alle auf der Suche nach Poesie, Schönheit und der eigenen Spiritualität. Sie glauben es, im Ausleben sadomasochistischer Sexualität zu finden.
Gegenüber seinem Dom Pascual fordert Spirou nach einer gemeinsamen Session: „Lehre mich, das Kreuz zu lieben.“ (S. 27) Zu einem späteren Zeitpunkt erklärt er: „Nie war ich Gott so nahe wie im Leiden, und das Leiden allein ist das Land meiner Weihe. Mein einziges Heimatland ist die Länge meines von Schmerz und Begehren dahingestreckten Körpers, dies Kreuz aus Fleisch und Blut.“ (S. 120) Die Verbindung von Religion und (sadomasoschistischer) Sexualität durchzieht den gesamten Roman wie ein roter Faden.

Der Theologe und Regisseur Py lädt den Leser ein, als Voyeur an den Sessions von Spirou und Pascual teilzuhaben und den alternden Dichter beim masochistischen Ritual zu beobachten. Ohne viel Pathetik läßt er seinen Protagonisten Spirou provokant offen und realitätsnah berichten von den süßen Qualen seines „Masochismus“ und dessen spirituelle Verklärung. „Und wenn man dem Schmerz seinen sinnlichen Wert abspricht, verkennt man das Vergnügen, ihn in seiner spirituellen Dimension zu spüren. Aber der Masochist bleibt der einzige echte Rebell gegen die Vernunft. Mit dem Opfer hat er ein unaussprechliches Bündnis, und dieses stets singende Opfer kann sich durchaus gen Himmel wenden und mit der menschlichen Wunde verschmelzen. Es ist kein Sakrileg, wenn man traurig ist, das nennt sich Musik. [...] Diese Qualen waren zwar nicht heilig, doch sie hatten das Gesicht des Heiligen, und es war an mir, es zu verwandeln.“ (S. 14) Das „Opfer“ berichtet, wofür der „Täter“ keine Worte hat. (Der Großteil sadomasochistischer Literatur wird aus dem Blickwinkel des Unterlegenen geschildert.) Die realitätsnahe Form der Darstellung von Sexualität und die damit verbundene, melancholische Sinnsuche seiner Protagonisten ziehen in einen Bann. Die Welt, die Py eröffnet in seinem „Paradies der Traurigkeit“ ist für seine Protagonisten eine Ausflucht, eine Flucht vor ihrer eigenen beklemmenden Realität. Masochismus erscheint als eine Form von Befreiung von den Anforderungen an das Individuum. Olivier Py greift damit - gewollt oder ungewollt – einen in der Psychologie vorherrschenden Zugang zu sadomasochistischer Sexualität auf. Masochismus erscheint als eine temporäre Befreiung aus den Anforderungen der Moderne an das konkrete Individuum; die temporäre Abgabe von Selbstverantwortung, die als Last auf dem Individuum der Moderne lastet. Gleich im ersten Monolog läßt Py diesen Aspekt von Spirou auf einer religiösen Ebene thematisieren: „Bleibt mir noch zu entdecken, dass meine Abneigung gegen meinen Körper die Weigerung ist, diese vorübergehende Identität mit dem zu verwechseln, was ich tatsächlich bin, ein Kind Gottes?“ (S. 7)

Py, der von einigen Journalisten bereits als Nachfolger von Jean Genet gehandelt wird, löste mit diesem stark philosophisch inspirierten Roman 2002 einen Skandal in Frankreich aus. Die Verbindung von Religiösität und (homosexuellem) Sadomasochismus, die u.a. ein paar Jahre zuvor in der Novelle „Barfuß“ (dtv 1995, 1997) von Michael Kleeberg in einem anders gelagerten Kontext aufgriff, ist gesellschaftlich immer noch ein Tabuthema. Dabei ist gerade die Geschichte von Religionen von sadomasochistischer Metaphorik und Thematik geprägt – von einer Unterwerfung unter den göttlichen Willen, über (Selbst-)Geisselungen bis hin zu sadistischen Foltermethoden zur Bestrafung vermeintlicher Ketzer. Diese Aspekte führte u.a. der Britische Autor Anthony Burgess in seinem Roman „Clockwork Orange“ in Form der Bibellektüre seines Protagonisten Alex vor.
In seiner offen ausgesprochenen und mit fundierten theologischen Anspielungen durchzogenen Geschichte sticht Py aus dem Mainstream heraus. Sowohl auf der Ebene der prickelnden Erotik, einer gekonnten Literarisierung von sadomasochistischer Sexualität, als auch auf der philosophisch-religiösen Ebene, weis er den Leser zu fesseln. Störend wirken seine gehäuft auftretenden Assoziationsketten betreffend von Namen und deren ursprünglichen oder verwandten Bedeutungen. Sein „Paradies der Traurigkeit“ reiht sich dennoch problemlos neben den Novellen von Leopold von Sacher-Masoch, Jean Genets Theaterstücken und Pauline Reages „Geschichte der O“ ein.

Weiterhin ist beim Merlin Verlag von Olivier Py „Die Feier des Labyrinths“ (ISBN3-87536-239-X) erhältlich.

Camillo Rack